Ausdruck in Form von künstlerischen Handlungen ist so alt wie die Menschheit. Doch bewusst dokumentiert und kuratiert werden Kunstwerke erstmals in der griechischen Antike. Seither haben zahlreiche Kunstformen monumentale Epochen der Menschheitsgeschichte geprägt. Während wir mit dem digitalen Wandel die vorerst letzte dieser Epochen einläuten, entdecken Künstler vermehrt das unvergleichliche Potenzial, welches ihnen Maschinen mit fast unlimitierter Rechenleistung zur Verfügung stellen.

Mehr als Kreativität in Form von Einsen und Nullen

Als digitale Kunst wird gemeinhin jegliche Form künstlerischen Schaffens bezeichnet, welches sich in irgendeiner Weise digitaler Technologien bedient. Das Genre hat eine bemerkenswerte Vielfalt zu bieten, welche weit über mittels Computercode generierte Bewegtbilder herausgeht. Digitale Künstler kombinieren Licht, Ton und Pixel zu grafischen Projektionen und multimedialen Installationen, welche das konventionelle Kunstverständnis übersteigen. Ihren Ursprung hat die digitale Kunst in den 80er Jahren, als sich wagemutige Pioniere an die ersten Computer wagten und mittels Binär-Codes grafische Elemente erschufen. Heute ist die New-Media-Art Palette bedeutend vielseitiger und es haben sich entsprechende Sub-Stilrichtungen entwickelt. Künstler wie Margarete Schürfer bedienen sich der Möglichkeiten der Digitalfotografie, um ausdrucksstarke Kompositionen zu erschaffen. Andere wie Snow Yunxue Fu widerspiegeln mittels codebasierten Bewegtbilder Naturphänomene oder hauchen analogen Skizzen mittels digitaler Überarbeitung neues Leben ein, wie dies im Falle von David Gomez Del Rio geschieht. Immer mehr Künstler versuchen auch, in komplexen Installationen die analoge Welt nahtlos mit der digitalen Faszination zu verschmelzen, wie es beispielsweise Ana Hofmann mit «Stripes in the Hood» zeigt.


Digital Art erklärt vom British Council Arts.


Der Markt für digitale Künstler entwickelt sich

Sandra Nevetskaia, Gründerin einer Zürcher Produktionsfirma, gibt sich im Interview mit der Finanz und Wirtschaft überzeugt, dass der Kunstszene ein Paradigmenwechsel bevorsteht. Denn «bereits heute schwören viele aufgeklärte Sammler nur noch auf digitale Kunst». Der Markt als Ganzes stockt hingegen noch etwas. Insbesondere in der westlichen Welt, ist das Bewusstsein für digitale Güter noch zu wenig ausgeprägt, wie Tom Rieder vom Digital-Art Start-Up Dloop bekräftigt. Aufgeklärte Sammler und grosse Marken begünstigen hier die Nachfrageentwicklung. Diese entdecken zunehmend die Kunst in digitalen Spaces als Gestaltungs- und Differenzierungsfaktor. Die Entwicklung führt dazu, dass sich herkömmliche Kunstgalerien zunehmend bewegen müssen. Diese sind jedoch oft nicht sehr aufgeschlossen, sich an der Diskussion um digitale Kunst zu beteiligen. Durch das weltweite Potenzial von über 4 Milliarden vernetzten Bildschirmen sowie disruptiven Geschäftsmodellen wie dem digitalen Kunstmarktplatz von NoowArt, werden diese Galerien jedoch zunehmend unter Druck kommen.

Wenn die Technologie übernimmt

Was wenn nicht mehr nur humane Intuition für künstlerisches Schaffen verantwortlich ist? Wenn Algorithmen lernen, Kunstwerke gemäss menschlichem Verständnis zu erschaffen? Mit Google DeepDream ist dieses Szenario bereits Wahrheit geworden. Dank dem von Alexander Mordvintsev entwickelten und seit 2015 als Open Source Code verfügbaren Algorithmus, geistern vermehrt ausserirdisch anmutende Bilder und Kunstwerke durch die digitale Welt. Der Algorithmus generiert aus bestehenden Bildern mittels weniger Iterationen schrille Farbkombinationen und gestochen scharfe, unglaublich detailbesessene Motive. Beim Anblick der Werke auf dem Bildschirm erscheint der Eindruck, dem Computer beim Träumen zuzuschauen. Daher auch der Name DeepDream. Mit der Fähigkeit Kreativität auszuüben dringen Maschinen in eine der letzten Sphären ein, die bisher den Menschen vorbehalten war. So meint KI Spezialist Samim Winiger gegenüber dem Magazin Wired, dass wir “seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks nichts Vergleichbares gesehen haben”. Inwiefern Algorithmen die Kunstszene beeinflussen werden bleibt offen. Tatsache ist, Google hat in San Francisco bereits eine Kunstausstellung präsentiert, welche ausschliesslich von DeepDream generierte Werke zeigt.

Der digitale Wandel hat auch die Kunstszene erfasst. Für die Künstler der nächsten Generation sind Maus und Code genau so herkömmliche Werkzeuge wie Pinsel und Farbe. Auch der Konsum von Kunst wird sich durch die zunehmende Konnektivität und die Omnipräsenz von Displays grundlegend verändern. Kunstfreunde dürfen gespannt sein wo die Reise hingeht, und wie die künstliche Intelligenz der Szene neue Impulse verleiht.

Die Maus wird den Pinsel zunehmend konkurrenzieren
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