Gordon’s Gin aus der Flasche, gemischt mit lauwarmem Tonic. Keine 10 Jahre ist es her als diese biedere Mischung noch als Kickstarter-Set für Studentenpartys diente. In den angesagten Bars waren damals Mojitos und andere tropische Drinks die Topseller, während die eine Flasche Bombay Sapphire ein tristes Dasein fristete. In den letzten Jahren jedoch erlebt der Wachholderbrand seine persönliche Renaissance. Exotische Variationen und lokale Distillerien schiessen aus dem Boden wie Pilze – Gin ist nicht mehr nur hip, sondern bereits Mainstream geworden. So auch in der Schweiz: Die Gin-Importe haben sich seit 2011 verdoppelt. Dies obwohl der Spirituosenimport in den letzten 10 Jahren stets rückläufig war.  Doch wie kommt es, dass der lange Zeit als billig belächelte Gin ein so grandioses Comeback feiert und längst mehr als nur salonfähig ist? Wo hat der Klassiker überhaupt seinen Ursprung?

Von den holländischen Apothekerschränken in die britische Hauptstadt

Juniperus communis – oder der gemeine Wachholder – hatte seine erste Hochblüte in der Kräuterheilkunde zwischen 100 und 1500 nach Christus, wo er als profanes Mittel gegen Magenverstimmungen und sonstige Leiden eingesetzt wurde. Erst im 16. Jahrhundert entdeckten holländische Kaufleute, dass sich das gebrannte Wachholderwasser gepaart mit weiteren Zutaten wie Muskatnuss, Gewürznelke oder Kardamon – im Gin-Jargon allesamt Botanicals genannt – auch zum geselligen Trinkgenuss eignet. Bekannt als Genever startete der Gin von Amsterdam aus seinen Feldzug um den Globus. Aufgrund der regen Handelstätigkeit war die holländische Stadt damals das europäische Gewürzmekka schlechthin. So erstaunt es nicht, dass die Holländer beim Genever mit immer neuen Gewürzbeigaben experimentierten.

Als eine der ersten professionellen Erzeuger stach die Familie Bols heraus. Als Anteilseigner der Veerenigte Ostindische Compagnie (VOC) hatten die Bols uneingeschränkten Zugang zum Gewürzhandel und den entsprechenden Rohstoffen für die Gin-Erzeugung. Zahlreiche Brenner taten es der Familie Bols gleich, und so wurde Amsterdam, nicht zuletzt dank der Handelsflotte und der Verfügbarkeit an Rohstoffen, rasch zum Zentrum der Genever Produktion.


Die Top-5 Botanicals

  • Wachholder
  • Bergamotte
  • Kardamon
  • Koriander
  • Veilchenwurz

Bei Ginspiration findet sich eine ausführliche Übersicht über der weltweit für Gin verwendeten Botanicals.


Holländische Flüchtlinge brachten den Genever im 17. Jahrhundert nach England, wo er bekannt als “Durch Courage” primär die Kampfeslust britischer Soldaten zu wecken hatte. Billiges Getreide förderte die britische Eigenproduktion, sodass im Jahr 1740 bereits 27 Mio. Liter britischen Gins destilliert wurden. Madame Geneva galt rasch als Wunderheilerin gegen die seelischen Gebrechen in den Slums Londons. Dank gesetzlichen Initiativen gelang es die Gin-Epidemie in den Slums einzudämmen. Im Gegenzug kletterte das Getränk die soziale Leiter hoch und wurde nach und nach in der Gesellschaft akzeptiert. Nicht nur in London, sondern auch in den Hafenstädten Plymouth oder Liverpool, machte er sich gegen Ende des Jahrhunderts breit. Aus dieser Zeit stammen auch die Gründungsdokumente der grossen Gin-Distillerien wie Tanqueray oder Beefeater. Daneben sorgten zahlreiche Kleinbrennereien dafür, dass auch die Arbeiterklasse weiterhin ihre Sorgen in billigem Alkohol ertränken konnte.

Von der neuen Welt in die Vergessenheit

Den USA ist es zu verdanken, dass Gin als Billigschnaps den Weltmarkt eroberte. Ab 1750 wurde Genever nach New York verschifft. Bereits um die Jahrhundertwende war die Produktion auf einem Höhepunkt und Brooklyn das Brenn-Zentrum schlechthin. In den USA trank man den Gin vorzugsweise süss und in Form von Cocktails: Slings, Sours, Fixes und Daisies entsprangen alle diesem glorreichen amerikanischen Old-Tom-Zeitalter. Selbst die Prohibition vermochte die Gin-Manie nicht zu stoppen. Im Gegenteil, sie förderte das Londoner Gin-Slum-Phänomen in USA. Wer auf dem Schwarzmarkt keinen Alkohol vermochte, vermischte in der hauseigenen Badewanne Industriealkohol mit Terpentin und kaschierte den Geschmack mit Sahne und Zucker: Der Bathub-Gin als Kind der Prohibition.

Der Fall des Gins im frühen 20. Jahrhundert ist mit den drei W’s zu begründen: Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise, Wodka. Eingedämmter Handel und der Kornschnaps führten dazu, dass der Gin-Konsum massiv rückläufig wurde. Zudem war für die Londoner Swing-Gesellschaft der Gin wiederum ein Billigst-Getränk und somit persona non grata. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte also den Whiskey und Wodka Fetischisten. Gin drohte ganz von der Bildfläche zu verschwinden.


Das kleine Gin Einmaleins

  • London Dry Gin: Pflanzlicher Alkohol als Basis, gleichzeitige Zugabe ausschliesslich natürlicher Botanicals. Muss nicht aus London stammen. Mindestalkoholgehalt 37.5%.
  • Dry Gin: Regeln im Vergleich zum London Dry Gin etwas gelockert. Botanicals dürfen naturähnlich sein und zu beliebigen Zeitpunkten beigefügt werden. Mindestalkoholgehalt 37.5%.
  • Old Tom Gin: Zu Beginn der Gin-Ära wurde der bittere, kaum geniessbare Gin oftmals mit Zucker nachgesüsst – insbesondere in den Londoner Gin-Bars. Diese Art von Gin wird Old Tom genannt und erlebt zurzeit einen enormen Aufschwung.
  • Sloe Gin: Als eigentlicher Likör fällt Sloe Gin durch seine rötliche Farbe auf. Wird nicht destilliert, sondern angesetzt. Beeren werden zusammen mit Zucker in destillierten Gin eingelegt.
  • Bathub Gin: Amerikanischer Gin der seine Blüte während der Prohibition hatte und aufgrund dieser oftmals zuhause in Badewannen destilliert wurde.

Qualität sticht Quantität – Der Gin gibt sein Comeback

Die Wiederauferstehung des Gins ist einem Marketingtrick Sidney Franks zu verdanken. Dieser füllte seinen Bombay Sapphire 1987 in eine blaue Flasche ab und erregte die Aufmerksamkeit des Marktes. Plymouth, Beefeater und Bols zogen in den 90er Jahren mit und trugen zum erfolgreichen Comeback bei. Bols sorgte insbesondere dafür, dass auch die Barszene wieder auf den vergessenen Riesen aufmerksam wurde.

Der herbe Wachholderduft ist also zurück in den angesagten Lokalen rund um die Welt. Die Varietät an den verwendeten Botanicals explodiert dabei nahezu, insbesondere lokale Produktionen und Rezepte sind im Hoch. Diese Vielfalt erleben lässt sich beispielsweise in Zürich, wo bei “VierTiere” über 400 verschiedene Sorten im Regal stehen. Dass sich der Konsument vom schnellen Gin-Tonic emanzipiert hat, ist heute augenfällig: “Die Qualität des Destillats steht beim Konsum immer stärker im Vordergrund. Der Konsument will die Details der Botanicals erkunden und auskosten”, stellt Anne Mock, Master Distiller bei Bombay Sapphire, fest.

Madame Genever hat eine bewegende Geschichte hinter sich, wodurch die Auferstehung des Heilsbringer aus den Londoner Slums umso mehr zu würdigen ist. It’s Gin o’Clock meint The.Up.Life.: Eis ins Glas, Gin auswählen, Tonic öffnen und den Sommer beim erfrischenden Duft herber Botanicals geniessen.

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