1994 hielt der letzte Zug der Lyss – Solothurn Linie im beschaulichen Leuzigen, womit auch das Schicksal des antiquierten Dorfbahnhofs mitsamt Wartesaal und Wärterhäuschen besiegelt schien. Heute, rund 25 Jahre später, erlebt ebendieser Bahnhof ein Revival als Schauplatz eines einzigartigen kulinarischen Konzeptes. Bahnhofsvorsteher und Schaffner sind dem gewieften Gastronomen Beat «Bidu» Wyss und Küchenchef Steven Moy gewichen. Der mitunter rein kulinarische Fahrplan wird gänzlich von regionalen, saisonalen Produkten bestimmt. Genossen werden die entsprechenden Kreationen entweder direkt auf Gleis 1 oder im Ambiente der ehemaligen Schalterhalle. Maximal 14 Gäste teilen sich die Wartezeit bis zum nächsten Gang, wodurch die beschauliche Wohnzimmer-Atmosphäre unterstrichen wird. Was steckt aber hinter der Verwandlung des stillgelegten Dorfbahnhofes in den ersten reinen «Essbahnhof» der Welt?

Vom Bahnhöfli Leuzigen zum Essbahnhof Gheimtipp

Als Tisch eine ausrangierte Draisine, in der Hand ein Glas Chasselas aus dem nahen «Le Landeron» und am Horizont die untergehende Sonne: All dies in der unvergleichlichen Atmosphäre eines ausrangierten Bahnhofes irgendwo zwischen Mittelland und Berner Seeland. Bereits beim Apéro spürt man die unverwechselbare Seele und die damit verbundene Geschichte des Essbahnhofes. 1994 wurde der Betrieb auf der Lyss – Solothurn Linie der SBB eingestellt und der Bahnhof Leuzigen – etwas abseits vom Dorfkern gelegen – geriet allmählich in Vergessenheit. Bis ins Jahr 2012, als das Besitzerpaar Sabrina und This Schwendimann auf den alten Bahnhof aufmerksam wurden, und diesen liebevoll und aufwendig restaurierten. Den beiden gelang es, auf aussergewöhnliche Art bestimmte Elemente aus der Bahnhofszeit nicht nur zu erhalten, sondern auf originelle Weise wiederzuverwenden. So fungiert der ehemalige Ticketschalter heute als Küchentheke, Drehkreuz für die Billett-Ausgabe inklusive. Aus dem Wartesaal wurde das gemütliche Wohnzimmer, welches für das «Gheimtipp»-Konzept charakteristisch ist. Seit 2016 können pro Abend maximal 14 Gäste den Essbahnhof ganz für sich geniessen, und zwar an einem einzigen langen Tisch. Dabei sind neben kulinarischen Höhenflügen auch die für einen altehrwürdigen Wartesaal typischen Bekanntschaften und Geschichten garantiert. Wer dann spätabends Nachhauseweg nicht mehr unter die Füsse nehmen möchte, kann in den vier hauseigenen und äusserst charmanten Zimmer übernachten und sein persönliches Bahnhofserlebnis so abrunden.

Regionalität gelebt in sieben Etappen

An Wochenenden erleben die Gäste eine kulinarische Bummelfahrt über sieben verschiedene Stationen. Steven Moy besticht dabei mit Kreationen ohne überflüssigen Schnickschnack, punktet dafür mit umso mehr Regionalität bezüglich der verwendeten Produkte. So stammen sämtliche Zutaten aus unmittelbarer Umgebung des Weilers Leuzigen. Wie weit die lokale Auswahl an Produkten geht, macht Gastgeber «Bidu» Wyss deutlich: «Hier in Leuzigen produziert praktisch jeder Haushalt eigene Produkte. Mittlerweile sind wir in der glücklichen Situation, dass gerade regionale Produzenten bei uns vorbeikommen, uns ihre Produkte zur Verkostung anbieten». Diese regionale Verbundenheit macht sich schlussendlich auch für den Gast bemerkbar: Während unserer Gourmet-Reise geniessen wir unter anderem frischen Spargel aus dem Seeland, Lachsforelle aus einer Zucht im nahen Bucheggberg sowie den ersten Schweizer Erdbeeren aus diesem Jahr. Über sämtliche sieben Stationen vermag Steven Moy ein stetiges Crescendo an Geschmacksvielfalt aufrechtzuerhalten. Die perfekte Mischung aus Tradition und Experimentierfreudigkeit, welche wir erleben dürfen, runden das kulinarische Erlebnis ab. Gehört das Granny-Smith-Apfel-Sorbet mit Basilikum und Calvados doch eher zu den nicht alltäglichen Besonderheiten, so ist das Schokoladenküchlein mit flüssigem Kern als wahrer Klassiker zu werten.


“Hier in Leuzigen produziert praktisch jeder Haushalt eigene Produkte. Mittlerweile sind wir in der glücklichen Situation, dass gerade regionale Produzenten bei uns vorbeikommen, uns ihre Produkte zur Verkostung anbieten.”

Beat “Bidu” Wyss, Gastgeber

Vollblut-Gastgeber auf Augenhöhe mit seinen Gästen

Dass die Erinnerungen zum «Essbahnhof» über die kulinarischen Höhenflüge hinausgehen, dafür ist Gastgeber und Bahnhofsvorsteher «Bidu» Wyss und sein Enthusiasmus verantwortlich. Mit Begeisterung führt er jeden Gast kurz durch den Bahnhof und in den hauseigenen Weinkeller, welcher gleichzeitig auch als physische Weinkarte fungiert. Im Verlaufe des Abends steht er mit Rat und Tat zur Seite und ist zu Spässen aufgelegt. Trotz anstrengendem Tag setzt sich «Bidu» nach getaner Arbeit zu seinen Gästen an den langen Tisch, um mit uns mitzudiskutieren. Es fühlt sich an wie zu Hause, wenn sich die Mutter nach getaner Arbeit als Köchin endlich auch mit an den Familientisch setzt. Die Freude an seinem Beruf und seine Leidenschaft für den «Essbahnhof» sind «Bidu» dabei förmlich von den Lippen abzulesen.

So erstaunt es nicht weiter, dass das Erfolgsduo im Herbst 2018 bei der SRF-Sendung «Mini Beiz – dini Beiz» triumphieren, und die Zuschauer schweizweit begeistern konnte. Kurze Zeit später kam den Beiden eine weitere Ehre zu Teil: Sie durften 13 GaultMillau-Punkte entgegennehmen. Dass sie trotz diesem Erfolg ihrer Linie treu geblieben sind und es geschafft haben die Bahnhofs- und Wohnzimmeratmosphäre aufrechtzuerhalten, spricht für die Authentizität und Nachhaltigkeit des Erfolgskonzeptes. Wer nun denkt, dass er den «Gheimtipp» spontan besuchen kann, der merkt, dass dieser unscheinbare Bahnhof auf der gastronomischen Landkarte der Schweiz mittlerweile mit einem dicken roten Punkt eingetragen ist: Momentan ist der lange Tisch an sämtlichen Wochenenden bis zum Oktober ausgebucht. «Spontanes Anfragen lohnt sich trotzdem», meint «Bidu» Wyss, da es aufgrund der Wartezeiten immer wieder vorkomme, dass am Tisch doch noch der eine oder andere Platz frei ist.

Auf zum Bahnhof und ein Ticket ergattern, meint Sunny.Side.Up.: Für Fans von schnörkelloser Küche in unvergleichlicher Atmosphäre ist ein Besuch im «Essbahnhof» in Leuzigen ein Muss!

Mehr zum “Gheimtipp – der Essbahnhof” auf https://www.gheimtipp.ch/ .

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