Am Anfang stand die Idee «irgendwie einen Baum auf ein Produkt zu bringen». Entstanden ist ein Fashion-Label, welches sich auf dem besten Weg befindet, ohne sich zu verbiegen ein Nachhaltigkeitsbewusstsein für die gesamte Modebranche zu entwickeln. Nicholas Hänny, Mitgründer von NIKIN Clothing, spricht mit The.Up.Life. über ein verfälschtes Verständnis für faire Mode und Nachhaltigkeit.

Mit einem alten, knarrenden Warenlift fahren wir in den vierten Stock einer alten Lagerhalle im verwaisten Industriegebiet Lenzburgs. Nur einen Steinwurf der Autobahn A1 entfernt deutet wenig darauf hin, hier auf ein Start-Up zu treffen, welches sich gleichermassen stilsicherer Mode und maximalem Nachhaltigkeitsbewusstsein verschrieben hat. Doch spätestens mit dem knirschenden Öffnen des Lifts verwandelt sich die post-industrielle Lethargie in ein emsiges, kreatives und bisweilen etwas chaotisches Ambiente. Auf einem einzigen, grossflächigen Stock finden sich Lagerräume, Büroräumlichkeiten und unkompliziert eingerichtete Meetingräume. «Sorry Jungs, ich bin gleich bei euch», ruft uns Nicholas Hänny zu und verschwindet hinter einem Berg frisch angelieferten TreePlanter Shirts. Knapp 30 Mitarbeitende arbeiten mittlerweile für das 2016 gegründete Fashion-Label NIKIN und kümmern sich um Logistik, Produktentwicklung, Kundenservice und Marketing. Eine bemerkenswerte Entwicklung für ein Start-Up, an dessen Anfang lediglich der Traum zweier Sandkastenfreunde steht, gemeinsam «etwas Geiles» auf die Beine zu stellen. Heute, knapp drei Jahre später, sind Nicholas Hänny und Robin Gnehm nicht nur Arbeitgeber von 30 Gleichgesinnten. Sie haben auch bereits knapp 300’000 Fashion-Produkte verkauft, und damit ebenso vielen Bäumen das Wachstum in Richtung Himmel ermöglicht. Doch was genau steckt hinter der Idee, Kleider zu verkaufen und dabei die globale Aufforstung «tree by tree» zu unterstützen? Ein exklusives Interview zu einer bemerkenswerten Erfolgsstory.

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The.Up.Life. zu Besuch bei den Nikin-Gründern Nicholas Hänny und Robin Gnehm

The.Up.Life.: Ihr sagt über euch, ihr wollt der Natur durch nachhaltige Mode etwas zurückgeben, indem für jedes verkaufte Produkt ein Baum gepflanzt wird. Wolltet ihr nun ursprünglich ein Modelabel oder eine Fundraising-Community begründen?

Nicholas: «Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Wir sind seit der frühen Jugend eng verbunden, verbrachten unendliche Stunden gemeinsam im Skatepark oder in der Natur. Es war für uns immer klar, dass wir einmal gemeinsam ein richtiges Projekt durchziehen wollten. Nach einem längeren Kanada-Aufenthalt kam Robin mit der Idee auf mich zu, «einen Baum auf ein Produkt zu tun». Im Verlaufe unzähliger Diskussionen wurde die Idee konkreter nicht nur Bäume auf Produkte zu platzieren, sondern damit auch Awareness für das Pflanzen von Bäumen zu generieren.

The.Up.Life.: Das ganze hört sich nach einer verrückten Bier-Idee an. Wie habt ihr dann tatsächlich den Schritt hin zum Mode-Label geschafft?

Nicholas: «Skate- und Snowboardsport war für uns immer eine Inspiration. Deshalb war relativ schnell klar, dass wir mit Beanies starten wollen: Beanie plus Tree, so sind unsere Treanies als erstes Produkt entstanden.

The.Up.Life.: Heisst dann, für jedes verkaufte Treanie habt ihr Saatgut und Schaufel gepackt und die Aargauer Waldfläche optimiert?

Nicholas: «Es wäre weder effizient noch zielführend, die Bäume selbst zu pflanzen. Für jedes verkaufte Produkt spenden wir einen US-Dollar an die Organisation One Tree Planted. So können wir grosse und koordinierte Projekte, etwa in Indonesien oder Kanada, unterstützen, wo Aufforstung im Vergleich zu den meisten europäischen Ländern nicht staatlich geregelt ist.

The.Up.Life.: Hand aufs Herz, wie könnt ihr euch sicher sein, dass pro Dollar auch wirklich ein Baum gepflanzt wir?

Nicholas: «Wir haben uns von One Tree Planted überzeugt, da sie ganz konkrete Projekte unterstützen» und ausschliesslich mit professionellen Organisationen im Bereich Forstwirtschaft zusammenarbeiten. So kann eine Überlebenschance der gepflanzten Bäume von 80-90% garantiert werden. Zudem waren wir letztes Jahr selbst im Einsatz und haben anlässlich eines von One Tree Planted unterstützen Projektes über 5’000 Bäume gepflanzt. Zudem haben wir kürzlich durch eine Partnerschaft mit BOS-Schweiz unser ökologisches Engagement zusätzlich erweitert.

The.Up.Life.: Euer Engagement für Projekte im Bereich Ökologie ist bemerkenswert. Dies hat aber mit nachhaltig und fair produzierter Mode primär noch nichts zu tun.

Nicholas: «Richtig. Am Anfang unseres Projektes lag der Fokus auch eindeutig auf der Natur. Wir sind mit einem Kapital von CHF 5’000 und T-Shirts aus Bangladesch gestartet. Wir wollten primär einen «Vibe» kreieren und den Leuten zeigen, dass die Auseinandersetzung mit der Natur sexy ist. Die Nachhaltigkeit im Produktionsprozess war zu Beginn noch überhaupt kein Thema. Erst die Erwartungen unserer Kunden regten uns zum Nachdenken bezüglich «Sustainability» an. Wir haben uns dann Schritt für Schritt damit befasst, wie wir diese Erwartungen erfüllen können. Zudem haben wir gemerkt, dass sich viele Brands mit dem Modewort «nachhaltig» schmücken, ohne wirklich die breite Dimension dieses Wortes zu kennen.»

The.Up.Life.: Wie lautet denn nun euer Rezept, Nachhaltigkeit auch in eure Produkte zu bringen?

Nicholas: «Wir haben kein fixes Konzept dazu. Was wir versuchen ist, uns einfach immer zu verbessern. So werden momentan sämtliche unserer Kleider in Europa produziert, von uns bekannten Produzenten. Dadurch können wir die Transportwege relativ kurz halten. Auch befassen wir uns intensiv mit den Materialien, welche zur Herstellung der Kleider verwendet werden. So sind wir, wie auch unsere Produzenten, beispielsweise GOTS zertifiziert. Zentraler Bestandteil dieser Zertifizierung ist eine umwelt-, ethik- und sozialverträgliche Produktion der verwendeten Rohstoffe zur Kleiderproduktion. Zudem müssen auch Verpackung, Kennzeichnung, Handel und Vertrieb der Textilien den Kriterien standhalten.»

The.Up.Life.: Perfekt nachhaltig zu sein ist also eine Illusion?

Nicholas: «Ja. Nachhaltig zu sein heisst sich stetig zu hinterfragen, zu optimieren, aber auch Kompromisse einzugehen. So ist beispielsweise “Made in..” kein Garantiemerkmal für Nachhaltigkeit. Nachhaltige Produktionsprozesse sind auch in China oder Indien möglich. Als Schweizer Label stellt sich dann die Frage der Verhältnismässigkeit des Transportes bei Verwendung solcher Produkte. Gleich verhält es sich mit den verarbeiteten Rohstoffen. Im Moment schreit die Welt nach Bio-Baumwolle. Allenfalls ist Polyester jedoch insofern nachhaltiger, weil polyester-basierte Produkte länger halten und somit gesamthaft weniger Ressourcen verwendet werden. Die Wiederverwendung von Ressourcen ist ein weiteres Thema: Für unsere Beanies verwenden wir teilweise recycelte Jeans. Wir sind weit weg davon Experten auf dem Bereich der verwendeten Materialien zu sein. Aber wir interessieren uns dafür, dies ist für uns entscheidend.»

The.Up.Life.: Ihr bewegt euch also an der Grenze zwischen Gewinnorientierung und reinem Gewissen?

Nicholas: «Fairness und Optimierung stehen für uns an erster Stelle. Wie gesagt, sind wir keine Öko-Jünger, versuchen uns aber in allen Dimensionen der Nachhaltigkeit stets zu bewegen. Dabei darf man nicht vergessen, dass das Ganze seinen Preis hat. Produktionen in Europa, Zertifizierungen und die Unterstützung von Projekten, all dies verursacht Mehrkosten. Diese wollen wir aber keinesfalls eins zu eins an den Kunden weitergeben. Denn wir glauben an unser Wirken und gehen unseren Weg weil wir davon überzeugt sind. Wir vertreten einen Ansatz von shared-value und conscience capitalism. Wir sind bereit, mehr zu geben, wenn wir damit für uns und unsere Kunden auch mehr Wert generieren können.»

The.Up.Life: Wo geht die Reise von NIKIN noch hin?

Nicholas: «Das Fragen wir uns manchmal selbst. Wir sind mit NIKIN im Dezember 2016 in den eigenen vier Wänden gestartet und sind jetzt hier gelandet. Natürlich haben wir tausend Träume und Ideen das Konzept horizontal und vertikal zu erweitern. So hatten wir beispielsweise einen Pop-Up-Store in der Gelateria di Berna in Zürich. Konkret arbeiten wir für 2020 an neuen Produktlinien, unter anderem denken wir an Sonnenbrillen, sowie am Virtual Tree und an koordinierten Baumpflanzaktionen in der Schweiz. Wir lassen uns treiben von Dingen, welche wir mit Überzeugung machen, ohne dabei eine klare Vision zu verfolgen.»

An Geschichten, Ideen und Kreativität mangelt es bei NIKIN keinesfalls. Die Ehrlichkeit im Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit macht die jungen Aargauer, die ein Teil ihrer Beanies übrigens von Menschen mit Beeinträchtigung produzieren lassen, sympathisch und authentisch. Nach dem Interview dürfen wir sogar noch spontan Modell stehen für die Anprobe der Sonnenbrillen, welche für 2020 in Planung sind. Fazit: NIKIN ist sowohl ein Fashion-Brand als auch ein überzeugender Mitstreiter im globalen Kampf für den Wald und gegen den Klimawandel.

NIKIN: Nachhaltigkeit bedeutet mehr als bloss Bäume zu pflanzen
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