“No change no chance!” und “action now or swim later!” sind Headlines, welche anhand des globalen Klimastreiks allgegenwärtig gehypt wurden. Die Forderung nach gemeinsamem Handeln gegen die Klimaveränderungen ist unabdingbar. Entscheidend dabei ist, Lösungen mit Unterstützung der Natur zu finden. Dabei erhalten die Wälder dieser Welt zentrale Bedeutung. Doch wie steht es um die grünen Lungen des Planeten und sind diese entscheidend im Kampf gegen den Klimawandel? Eine Bestandsaufnahme rund um den Wald.

Hilfe, der Amazonas brennt! Doch wie krank ist unsere grüne Lunge wirklich?

Die verheerenden Brände im Amazonasgebiet befeuerten diesen Spätsommer die Diskussionen um die Zukunft unseres Planeten. Durch die starke mediale Berichterstattung funktionierten die Schlagzeilen als Brandbeschleuniger für die globalen Klima-Aktivisten. Und tatsächlich ist der ökologische Schaden, welcher durch die Brände verursacht wird, immens. Rund 73’000 Brandherde bedrohten zwischen Januar und August 2019 gut einen Zehntel der gesamten globalen Artenvielfalt.

Amazonas Wald brennt und schadet Klima

Ein differenzierter Blick auf den Gesundheitszustand der weltweiten Waldbestände zeigt jedoch, dass die Bedrohungen weitaus komplexer sind, als es 73’000 Glutnester explizit machen. So sind die Brände im Amazonasbecken kein 2019 Phänomen. Im Gegenteil, die Zahlen für 2017 und 2018 sind noch gravierender. 2019 zeigt nüchtern betrachtet ein abnehmender Trend an Feuer. Das bisher stärkste Aufkommen von Feuersbrünsten wurde 2007 registriert. Ein Anstieg der Soja- und Rindfleischpreise war damals für die exzessive und gezielte Abholzung verantwortlich. Genau diese gezielte Abholzung ist auch die weitaus grössere Gefahr für den Amazonas-Regenwald als die Feuer, welche zum Teil natürlicher Ursache sind. Zwischen 2001 und 2012 wurden gemäss WWF jährlich ca. 1.4 Millionen Hektar gezielt abgeholzt. Nicht nur in Brasilien, sondern auch in den übrigen Amazonas-Staaten, insbesondere Peru und Bolivien.

Niemand spricht über den Wald Sibiriens

Rein mathematisch gesehen ist es eine Lüge über den Amazonas als grünen Lunge des Planeten zu sprechen. Das grösste zusammenhängende Stück Wald unserer Erde befindet sich nämlich in der sibirischen Taiga, welche 808 Millionen Hektar voller Bäume vereint. Während also der mediale Fokus auf dem Amazonas lag, gingen allein im August 2019 55’000 Quadratkilometer grüne Taiga in Flammen auf. Der dabei entstandene Rauch wanderte über den Pazifik und war sogar in den USA sicht- und spürbar.


Von Waldrodung betroffene Gebiete Sibiriens.

Seit dem Jahr 2000 sind in der sibirischen Taiga gemäss Global Forest Watch rund 35 Millionen Quadratkilometer Wald verschwunden. Rund 65% davon durch Feuer, welche zu einem grossen Teil durch Menschen verursacht wurden. Dafür bloss die russischen Behörden verantwortlich zu machen, wäre jedoch zu kurz gegriffen. Denn es ist eine andere fernöstliche Grossmacht, welche ihre Finger nach den unendlichen Bauholzvorräten Sibirens ausstreckt. China ist der grösste Bauholz-Importeur der Welt und verfügt praktischerweise über tausende Kilometer an Grenzlinie zum sibirischen Teil Russlands. Besonders pikant masst dabei der Fakt an, dass in China der kommerzielle Holzschlag durch die Regierung weitestgehend reguliert ist. Dies führt dazu, dass mittlerweile über 500 chinesische Firmen ihre Abholzgebiete nach Sibirien verlagert haben und von dort aus Peking mit 30% seines Holzbedarfes versorgen. Von China angestossene Pläne zur gemeinsamen Aufforstung grosser Teile Sibiriens wirken vor diesem Hintergrund wie eine schlechte Seifenoper. Insbesondere wenn man bedenkt, dass Bäume im nördlichen Taiga-Gebiet aufgrund der klimatischen Bedingungen bis zu 50 Jahre benötigen, bis sie vom Setzling zur Mannshöhe gereift sind.


Boreale Wälder, wie sie in Sibirien zu finden sind, spielen eine ebenso grosse Rolle als CO2-Speicher wie die tropischen Regenwälder. Allein die Wälder Sibiriens speichern rund 50% des gesamten Kohlendioxyds der nördlichen Hemisphäre.

Minus 15 Milliarden Bäume jährlich – stirbt der Wald bald aus?

Schätzungen zu Folge wachsen aktuell rund 3 Billionen Bäume in Richtung Himmel. Diese bedecken damit rund 30% der weltweiten Landfläche. Bei nüchterner Betrachtung dieser Zahlen wirkt die aktuelle Situation bezüglich der weltweiten Waldbestände also kaum besorgniserregend. Ein Blick in die Geschichtsbücher relativiert diesen Optimismus jedoch ziemlich rasch: Seit den Anfängen der kultivierten Landwirtschaft vor rund 12’000 Jahren verlor unser Planet die Hälfte seiner Baumbestände. Schon heute Leben wir also sprichwörtlich mit nur noch einer grünen Lungenhälfte. Trotz wachsender Empörung seitens der Gefolgschaft von Greta Thunberg und offensichtlicher Halbierung des globalen Waldbestandes nagen wir weiterhin ziemlich ungeniert an unserer Lebensader. Durch Hunger nach Landwirtschaftsfläche, Bauholz und biologischem Kraftstoff verlieren wir täglich rund 200 Quadratkilometer Waldfläche. Damit schadet die Menschheit nicht nur dem eigenen CO2-Speicher, sondern trägt durch Abholzung und Waldzerstörung mit rund 17,4% zu den von Menschen verursachten Treibhausgasemissionen bei. Wie wichtig dieser CO2-Speicher für das Klima ist, und wie eine gezielte und geplante Holz- und Waldwirtschaft den CO2-Effekt des Waldes optimiert, legt der Verband Wald Schweiz in seinem Positionspapier anschaulich dar.

Abgeholzter Wald

Neben erschreckenden Zahlen und apokalyptischen Prognosen bietet die Forstwirtschaft auch Chancen, dem globalen Klimawandel aktiv entgegenzutreten. Durch gezielte Aufforstung können nämlich über eine Milliarde Hektar an vernichteter Waldfläche wieder hergestellt werden. Dies entspricht einer Fläche, welche grösser ist als China. Dieses Potenzial haben auch die Vereinigten Nationen erkannt und im Rahmen der weltweiten Sustainable Development Goals verankert. Ziel 15 fordert den Erhalt, die Wiederherstellung und die nachhaltige Nutzung von Ökosystemen: Bis 2020 soll die nachhaltige Bewirtschaftung aller Waldarten gefördert, die Entwaldung beendet, geschädigte Wälder wiederhergestellt und die Aufforstung und Wiederaufforstung weltweit beträchtlich erhöht werden. Bis 2030 sollen die Bemühungen dahingehend erweitert werden, dass von Wüstenbildung, Dürre und Überschwemmung bedrohte Flächen durch gezielte Beforstung saniert sind.

Hoffnung und Aktivismus

Die Haltung der Vereinigten Nationen bildete den Grundstein zur “Bonn Challenge“, welche vom deutschen Gesundheitsministerium sowie der IUCN in 2011 ins Leben gerufen, und von der UN 2014 adoptiert wurde. Die Challenge dient als Katalysator für regionale Initiativen zur Restauration von Ökosystemen. Eines der bekanntesten Projekte darunter ist die “Great Green Wall of Africa“, mit dem ambitionierten Ziel einen grünen Gürtel quer durch die Sub-Sahara Zone Afrikas zu errichten. Das Projekt ist allerdings – insbesondere aufgrund infrage gestellter Effektivität – nicht immer ganz unumstritten.


Über 20 Länder sind daran beteiligt, einen 8’000 km langen grünen Gürtel quer durch den afrikanischen Kontinent zu pflanzen und so für mehr ökologische, ökonomische und soziale Sicherheit in der Sub-Sahara Zone zu sorgen.

Neben diesen Projekten gibt es Entwicklungen, aus welchen durchaus auch Mut und Hoffnung geschöpft werden kann. So hat die nationale Forstpolitik in Ruanda etwa dazu geführt, dass die Waldfläche in dem ostafrikanischen Land in den letzten Jahren um 37% zugenommen hat. Und allen politischen Wirren zum Trotz konnte Brasilien die Rodung der Amazonaswälder in den letzten fünf Jahren offiziell um zwei Drittel eindämmen.

Das solche Entwicklungen auch nachhaltig sein können, zeigt das Beispiel Frankreich. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatten unsere westlichen Nachbarn ihre ursprünglichen Waldbestände soweit abgeholzt, dass diese nur noch 10% der Landesfläche ausmachten. Durch gezielte Forstpolitik sowie extensives Aufforstungen konnte der bewaldete Flächenanteil Frankreichs bis heute wieder auf 30% ausgedehnt werden. Aktuell beträgt die jährliche Nettowachstumsrate Frankreichs Wälder ca. 30’000 Hektar. Dies obwohl das Land einer der top Bauholz-Exporteure Europas darstellt.

Oh, du grüne Helvetia!

Punkto Zahlen können wir Schweizer locker mit Frankreich mithalten: Ein Drittel der helvetischen Landfläche ist mit Wald bedeckt. Dies ergibt ungefähr 66 Bäume oder 1’520 Quadratmeter Waldfläche pro Einwohner. Dank kluger Forstwirtschaft können in der Schweiz jährlich fast 8 Millionen Kubikmeter Holz geerntet werden, ohne den Wald zu übernutzen. Trotz der Ernte von Nutzholz wächst der Schweizer Waldbestand jährlich ungefähr um die Fläche des Thunersees. Neben der Generierung von Nutzholz haben die Schweizer Wälder in unseren gebirgigen Breitengraden eine eminent wichtige Schutzfunktion. So haben rund 40% des nationalen Bestandes eine offizielle Schutzwirkung. Nebenbei sind Wälder auch die grössten Trinkwasserreservoirs. Sie speichern und filtern über 40% unseres Trinkwassers. Diese Filterwirkung erspart jährliche Wasseraufbereitungskosten von circa 80 Millionen Franken. Alleine diese Fakten machen deutlich, dass der Wald nicht nur für das globale Klima, sondern auch für die lokale Bevölkerung von unschätzbarem Wert ist.

Wald_in_der Schweiz_als_CO2_Speicher_für_das_Klima

Volle Kraft für den Wald als letzte Chance im Kampf gegen die Klimaerwärmung also? Nein, diese Sichtweise wäre entscheidend zu kurz gegriffen. So sind zwei Drittel der Erdoberfläche durch unsere Ozeane bedeckt, welche als weitaus grösserer CO2-Speicher dienen als die Wälder. Doch aufgrund der grassierenden Plastikverschmutzung sind auch diese akut bedroht. The.Up.Life. berichtete bereits Juli über die Plastikflut in unseren Weltmeeren. Das weltweite Ökosystem besteht aus einzelnen Puzzlesteinen, welche uns helfen können, unseren Planeten zu erhalten. Wälder können in diesem System einen gewichtigen Teil dazu beitragen, unsere Emissionen zu kompensieren. Somit sind sie ein wertvolles Puzzleteil im Kampf gegen den Klimawandel. Es wäre jedoch eine Illusion zu denken, dass das koordinierte Pflanzen von Bäumen sämtliche Umweltsünden der Menschheit vergessen macht.

Kann der Wald unser Klima noch retten?
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